Connecting Estonia
and Lower Saxony
Von Tallinn führen drei Reiserouten mit den Zielen der Standorte der niedersächsischen Landesbibliotheken. Nicht die Reise über die verschiedenen Wege steht im Mittelpunkt der Ausstellung, sondern die historischen Karten des Raumes zwischen Niedersachsen und Estland. Vor Ort, an den Reisezielen, geben Karten und historische Ansichten Einblicke in einige historische Highlights der niedersächsischen Regionen.
Diese virtuelle Kabinettsausstellung wurde durch die drei niedersächsischen Landesbibliotheken anlässlich des Deutschen Frühlings Estland 2020 kuratiert und technisch durch die Verbundzentrale des Gemeinsamen Bibliotheksverbundes (GBV) realisiert. Diese Bibliotheken – die Landesbibliothek Oldenburg, die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek und die Herzog August Bibliothek – erschließen und digitalisieren herausragende Kartenblätter ihrer Sammlungen seit 2019 in einem gemeinsamen, vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur geförderten Pilotprojekt „Verteilte Digitale Landesbibliothek“.
Beim Deutschen Frühling in Estland soll die Freundschaft zwischen Niedersachsen und dem baltischen Staat vertieft werden. Im Jahr des zehnjährigen Jubiläums ergreift Niedersachsen als Partnerland die Chance, die vielfältigen Beziehungen zu Estland zu vertiefen. Zu den Höhepunkten gehören die Eröffnungsfeier in Tallinn am 11. März mit einem Konzert von Studierenden der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, das Symposium „Digitalisierung des Kulturerbes und seine Innovative Nutzung“ des Leibniz-Informationszentrums Technik und Naturwissenschaften (TIB) Hannover, die Präsentation der neuen deutsch-baltischen Abteilung des Ostpreußischen Landesmuseums in Lüneburg sowie eine musikalische Spurensuche zum berühmten niedersächsischen Orgelbauer Arp Schnittger.
Die virtuelle Ausstellung schlägt eine weitere Seite des vielfältigen kulturellen Austausches auf: die Verbindung der Länder über die Kartenblätter der Kartographiegeschichte.
Das Reisen der Vergangenheit ging weniger schnell. In der Reisekutsche und mit dem Schiff reiste man von Norddeutschland aus nach Estland. Je nach Anlass der Reise führten die Wege über Skandinavien, an der südlichen Küste des Baltikums entlang oder per Schiff über die Ostsee von Lübeck oder Kiel aus, bisweilen mit Zwischenhalten in Riga, Stockholm oder Stralsund.
Historische Karten zeigen die Orte und Städte, die Geschichte der Staatengebilde der Vergangenheit und die sich verändernde politische Situation der Wegstrecken. Sie zeigen auch die Entwicklung der Kartographie und die Kenntnis, die europäische Kartographen und Reisende im Verlauf der frühen Neuzeit über die Geographie Nordeuropas gewonnen haben. In ihrer Verbindung legen die Karten den geographischen Raum und die Wege zwischen Niedersachsen und Estland frei.
Tallinn ist der Ausgangspunkt der drei Reiserouten. Die Hauptstadt Estlands hieß bis zum 24. Februar 1918 amtlich Reval, ein Name, der auch auf historischen Karten häufig verwendet wurde. Seit 1997 gehört die Altstadt von Tallinn zum UNESCO Weltkulturerbe, da Tallinn ein „außergewöhnlich vollständiges und gut erhaltenes Beispiel einer mittelalterlichen nordeuropäischen Handelsstadt“ ist.
Karte der Stadt Tallinn, aus: La Galerie Agreable Du Monde […]. Pieter van der Aa, Leiden 1730f.
Von Tallinn aus führen drei Routen durch die Kartenblätter der Frühen Neuzeit. Im Norden reiste man über die skandinavischen Länder, von Süden her entlang des europäischen Festlandes und der mittlere Weg wählte die Schiffspassage über die Ostsee. Diese Routen durch die Kartenblätter führen durch das kartografische Wissen der Frühen Neuzeit. In Einzelblättern, Handzeichnungen und Altatlanten spiegelt sich die Geschichte der Land- und Seewege wider. Karten sind zugleich Quellen zur politischen Geschichte.
Karte von Estland, aus: La Galerie Agreable Du Monde […]. Pieter van der Aa, Leiden 1730f
Die Ausstellung zeigt Kartenblätter aus den Sammlungen der Herzog August Bibliothek, der Landesbibliothek Oldenburg und der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek. Seit Jahrhunderten sammeln diese Bibliotheken auch Karten des Baltikums und des nördlichen Raums. Die Karten und Atlanten entstammen fürstlichen Sammlungen, militärischen Kontexten und wissenschaftlichen Privatsammlungen.
Seit 2019 erschließen und digitalisieren die drei niedersächsischen Landesbibliotheken ihre Kartenblätter in einem gemeinsamen Projekt. Das vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur geförderte Projekt ist ein erster Baustein der Verteilten Digitalen Landesbibliothek.
Die Häuser stellen sich vor
Landesbibliothek
Oldenburg
Die Landesbibliothek Oldenburg ist eine von drei historischen Landesbibliotheken in Niedersachsen. Sie wurde 1792 als „Herzogliche Öffentliche Bibliothek“ von Herzog Peter Friedrich Ludwig von Oldenburg gegründet. Im Geist der Aufklärung stand sie als Bildungseinrichtung von Anfang an allen Einwohnern des Herzogtums offen und sollte der „Erleichterung der Erwerbung nützlicher Kenntnisse und Verbreitung des guten Geschmacks“ dienen. Ihren Gründungsbestand von 22.000 Bänden bildete die wissenschaftlich und bibliophil herausragende Privatbibliothek des hannoverschen Staatsbeamten Georg Friedrich Brandes (1719 – 1791).
Heute ist die Landesbibliothek Oldenburg eine wissenschaftliche Universalbibliothek mit geistes- und sozialwissenschaftlichem Schwerpunkt und regionale Archivbibliothek für das Oldenburger Land. Mit ihren rund 930.000 Medieneinheiten versorgt sie die Bevölkerung Oldenburgs und der Region mit aktueller wissenschaftlicher Literatur und Information und unterstützt auch die Literaturversorgung der Oldenburger Hochschulen. Die kulturellen, wissenschaftlichen und regionalbibliothekarischen Aufgaben sind integraler Bestandteil des Bibliotheksprofils.
Der Altbestand umfasst heute über 1.000 Handschriften, 460 Inkunabeln und 142.000 historische Drucke des 16. bis 19. Jahrhunderts sowie zahlreiche Nachlässe. Das berühmteste Buch ist die 1336 entstandene Oldenburger Bilderhandschrift des „Sachsenspiegels“.
Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek
Niedersächsische Landesbibliothek
Die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover ist zugleich Landes- und Forschungsbibliothek. Als Landesbibliothek für Niedersachsen und seine Regionen sammelt sie die Pflichtexemplare aller in Niedersachsen erscheinenden Veröffentlichungen, dokumentiert das regionale Schrifttum und bietet wissenschaftliche Literatur und Lernräume für Nutzerinnen und Nutzer aus Stadt, Region und Land. Die Bibliothek ist Sitz der Akademie für Leseförderung und ist für die bibliothekarische Aus- und Fortbildung in Niedersachsen zuständig.
Aufgrund ihrer Geschichte und ihrer Sammlungen ist sie zugleich Forschungsbibliothek für Kurhannover. Die Bibliothek geht zurück auf die fürstliche Büchersammlung Herzog Johann Friedrichs, der 1665 die Regentschaft des Fürstentums Calenberg antrat. Mit Gottfried Wilhelm Leibniz betraute er einen der bedeutendsten Universalgelehrten der Frühaufklärung mit der Leitung der herzoglichen bzw. kurfürstlichen Bibliothek. Der Nachlass Leibniz‘ zählt zu den herausragenden Beständen der Bibliothek; sein Briefwechsel wurde 2007 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen. Dieselbe Ehre wurde 2017 dem Goldenen Brief des birmanischen Königs Alaungphaya an den britischen König Georg II. zuteil.
Die Bibliothek umfasst heute ca. 2 Mio. Medieneinheiten sowie geschlossene Sammlungen und Sonderbestände (u.a. 140.000 Drucke vor 1800, 375 Inkunabeln, über 4000 Handschriften, 30.000 Karten, darunter über 3000 Altkarten vor 1850, 80.000 Autographen, 50.000 Wappen und 16.000 Leichenpredigten).
Herzog August Bibliothek
Wolfenbüttel
Die Herzog August Bibliothek als eine der ältesten unversehrt erhaltenen Bibliotheken der Welt ist eine außeruniversitäre Forschungs- und Studienstätte für die europäische Kulturgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Die historischen Bestände der Bibliothek bilden ein in Breite und Tiefe einzigartiges Archiv der westlichen Kultur.
Im Jahre 1572 von Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg gegründet, wurde sie durch die systematisch von Herzog August dem Jüngeren (1579-1666) zusammengetragene Büchersammlung von 135.000 kostbaren Handschriften und Drucken zur größten Bibliothek ihrer Zeit und galt manchen als Weltwunder. Neben der für Norddeutschland einmaligen Handschriftensammlung, darunter das Evangeliar Heinrichs des Löwen und eine der prächtigsten Bilderhandschriften des Sachsenspiegels, besitzt die Bibliothek etliche sehr umfangreiche Sondersammlungen und Deposita, darunter wertvolle Zeugnisse der Buchkunst von der Inkunabelnzeit bis ins 20. Jahrhundert.
Seit 1989 ist die Herzog August Bibliothek unmittelbar dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur unterstellt. Prof. Dr. Peter Burschel leitet die Bibliothek, die national und international heute eine hohe Reputation als Sammlung, als innovative Bibliothek und Forschungsstätte genießt. Ihren Gästen und Nutzern bietet sie ein umfangreiches und vielfältiges wissenschaftliches und kulturelles Programm.